Atemtherapie nach Middendorf

Unser Atem ist eng mit unseren Lebenskräften verbunden, er ist Begleiter vom ersten bis zum letzten Atemzug. Der Atem ist Motor Ihres lebensnotwendigen Stoffwechsels und er reagiert auf Ihre Gefühle und Gedanken. Körper, Geist und Seele bilden Ihr Haus, in dem der Atem ein und ausgeht und so wie jeder Mensch im Laufe des Lebens das eigene Haus gestaltet, sind auch Atem und Atemrhythmus höchst individuell. Sie spiegeln Ihre körperliche, seelische und geistige Verfassung.

Informieren Sie sich im Folgenden über

Zur Atmung aus anatomisch-physiologischer Sicht

Die Steuerung der Atemtätigkeit erfolgt durch einen Taktgeber im Zentralnervensystem; dieses Steuersystem für die Atmung liegt in der Medulla Oblongata (das verlängerte Mark) und wird Atemzentrum genannt.

Mit der Atmung nimmt der Mensch Sauerstoff auf und scheidet das im Gewebestoffwechsel entstandene Kohlendioxid aus. Dieser Gasaustausch in der Lunge wird durch die Atembewegung ermöglicht. Die Aufweitung des Brustraumes im Einatem bewirkt ein Weiterwerden der Lungen und sauerstoffreiche Luft strömt ein. Im Ausatem schwingt der Raum zurück, die kohlendioxidangereicherte Ausatemluft strömt aus. Es folgt eine Atemruhe (Wenk, M., Der Erfahrbare Atem, 1995, Seite 202f). Die im Einatem entstehende Aufweitung überträgt sich auf die Lunge, die durch Lungenfell und Rippenfell mit dem Brustkorb verbunden ist. Die Pleurablätter sind mit einem dünnen Flüssigkeitsfilm ausgekleidet, in welchem Unterdruck herrscht. Die Lunge ist somit fest und zugleich gleitfähig mit der sie umgebenden Körperwand und dem Zwerchfell verbunden. Im Einatem entfächern sich dann die Lungenflügel und die Luft strömt ein.

Es ist also keine willentliche Arbeit mit der Atmung verbunden. Sie geschieht über das Zentrale Nervensystem – es braucht kein Ziehen oder Drücken des Atems um sich mit Sauerstoff zu versorgen.

In der Einatmung gibt es zwei unterschiedliche Bewegungsrichtungen: es senkt sich das Zwerchfell, die Zwerchfelldoppelkuppel wird abgeflacht und die basalen Anteile der Lunge erweitern sich. Zugleich heben sich die Rippen, was einer Drehbewegung der Rippen in ihren Gelenken an der Wirbelsäule entspricht. Durch den nach vorne gesenkten Verlauf, die spezifisch gekrümmte Form und spiralige Verbiegung der Rippen erweitert sich bei dieser Bewegung der Brustraum nach hinten, seitlich, vorne und oben. Zudem kommt es zu einer leichten Streckung der Brustwirbelsäulenkyphose, so dass die mittleren und oberen Anteile der Lunge erweitert werden (Wenk, M., Der Erfahrbare Atem, 1995, Seite 204f).

Im Erfahrbaren Atem meinen wir diese körperliche Realität. Durch die Erfahrung, über einen Raum im Inneren zu verfügen, können darüber hinaus geistig-seelische Qualitäten erfahren werden. Zunächst ist es jedoch eine konkrete körperliche Realität, die wir den Menschen mit unserer Arbeit nahebringen.

In einem wohlgespannten System breitet sich eine Schwingung, die an einem Punkt entsteht, konzentrisch in alle Richtungen aus. Das gilt auch für die Atembewegung: das Weitwerden im Einatem breitet sich in die umliegenden Gegenden und in den gesamten Körper aus, die Körperwände werden aufgedehnt und schwingen im Ausatem in ihre Ausgangslage zurück (Wenk, M., Der Erfahrbare Atem, 1995, Seite 208ff).

Zum Atem als körperlich-geistig-seelisches Geschehen

Die Atembewegung kann den gesamten Körper erfassen. Wenn diese Bewegung in das Bewusstsein rückt und in die körperliche Erfahrung geht, kommen wir zu einer Leiberfahrung, die über das rein strukturelle, muskuläre des Körpers hinausgeht. Im Erfahrbaren Atem üben wir uns dazu in drei Fähigkeiten, die wesentliche Atemprinzipien in dieser Arbeit darstellen:atemtherapie middendorf berlin

  • dem Sammeln auf die eigene Atembewegung
  • dem Empfinden dieser eigenen Atembewegung
  • dem Zulassen des eigenen Atemrhythmus.

Das Sammeln auf die eigene Atembewegung meint das ganz anwesend sein in dieser Bewegung, in diesem großen Geschehen ohne Absichten. Ein liebevolles Hinwenden auf das, was gerade ist. Mit Ilse Middendorf:

„Ich bin aufgerufen wahrzunehmen, was mir geschieht, und in Hingabe und Achtsamkeit darauf zu reagieren: nicht nur in Hingabe (es atmet mich), sondern auch in Achtsamkeit (Was entsteht mir durch mich und meinen Atem)“.
(Middendorf, I., Der Erfahrbare Atem, 1995, Seite 28)

Das Empfinden der eigenen Atembewegung geschieht ohne Wertung. Die Empfindung breitet sich mehr und mehr im Körper aus. Im Rahmen der eigenen Entwicklung wird es möglich, das Dreidimensionale im Atemleib zu erfahren, Räume im Körper wahrzunehmen und dabei unterschiedliche Qualitäten wahrzunehmen.

Das Zulassen des eigenen Rhythmus bedeutet, den Atem kommen und gehen zu lassen, ihn nicht zu holen oder den Ausatem herauszustoßen. Indem wir Zeuge werden für unsere Atemfunktion ohne in deren Ablauf einzugreifen, lernen wir, den Atem zu „lassen“.
Durch das Zulassen haben wir Zugang zu einem tieferen Wissen in uns, das Empfinden der zugelassenen Atembewegung zeigt uns dieses Wissen auf und die Sammlung integriert die Entwicklung in das bewusste Sein.

AR-10-19 Allgemein